Warum mache ich das hier eigentlich noch?

Eigentlich sollte ich gerade einkaufen gehen, denn ich habe gesagt, dass ich heute Abend was kochen würde.
Gerade eben wurde der Lieferservice angerufen, muss heute reichen.
Warum? Weil ich endlich die Gedanken, die seit drei Tagen lose in meinem Kopf schweben, zu Worten formulieren kann.

In der Regel mag ich meinen Job – sehr!
Aber manchmal gibt es auch hier, bei jemanden, die sich ihren Job selber geschaffen hat, Zweifel und den Gedanken „Warum mache ich das hier eigentlich noch?“.

Als ich mit dem Bloggen angefangen habe, war es ein Hobby. Vor 7 Jahren gab es das Wort Influencer noch nicht, Kooperationen, Facebookseiten und Instagram waren nicht existent. Man hatte seinen Blog, wo langsam ein paar Leute auf die Seite kamen.
Oh nein, das wird kein „früher war alles besser“-Post, keine Sorge.

Okay, kommen wir zu den Anfängen zurück – da habe ich sehr, sehr schlechte Texte geschrieben, fiese Bilder gemacht und wollte einfach nur meine Nähwerke zeigen. In meinem Freundeskreis nähte niemand, also wollte ich mich mit anderen austauschen.
Ich war auch in einer etwas depressiven Lebensphase, ohne viel Antrieb und fand es für mein angeschlagenes Ego toll, auf einmal Feedback zu meinen Sachen zu bekommen. Man kommentierte gegenseitig in anderen Blog und lebte in seiner sehr kleinen Blase.

Heute ist die Blase deutlich größer, „Blogger“ ist ein Beruf geworden (wenn man das möchte), man kann innerhalb von einem Jahr eine Million Follower auf Instagram bekommen, muss anscheinend jeden Post als Werbung kennzeichnen, weil man die Follower ja in irgendeiner Weise beeinflusst, DSVGO nervt so ziemlich jeden und so ein bisschen habe ich das Gefühl, dass viele der „alten Hasen“ gerade der Spaß etwas abhanden gekommen ist.

Man überlegt sich oft zwei Mal, ob man etwas postet, die Fotos müssen hübsch, das DIY innovativ und neu, die Nähwerke ausgefallen und der Urlaubsort exotisch sein. Zumindest kann man dieses Gefühl bekommen, wenn man sich online umsieht.

Letzte Woche habe ich durch Zufall viele neue Blogs gesehen, die ich vorher noch nicht kannte, und war ein wenig ernüchternd hinterher. Irgendwie ist sich doch vieles ähnlich, das Layout, die Themen, die Werbebeiträge und da nehme ich meinen Blog in vielen Punkten mit in die Aufzählung rein. Oder ich habe den Gedanken „das sieht bei anderen viel besser aus, die schreiben besser, sind viel erfolgreicher, amüsanter usw. usw.“.
Witzig ist, dass ich so denke, obwohl ich selber unbewusst einen Teil zu dieser Schöne-Welt-Blase beitrage. Wenn ich mir meinen Instagramaccount anschaue, glauben wahrscheinlich viele Leute, dass ich nie arbeite, nur verreise, selten Selbstzweifel habe und einfach ein schönes Leben führe.

Das selbe ist es bei Schnittmustern – braucht es wirklich noch mehr Schnittmuster? Irgendwo auf der Welt gibt es das bestimmt schon so ähnlich, man muss nur lange genug suchen, dann findet man es schon.

Du siehst also, auch hier ist nicht immer alles rosarot… Und dann kommt so ein Moment, wo ich ganz genau weiß, warum ich das hier tue.
Wo ich nicht an Follower, Seitenaufrufe, Miete bezahlen, Mitarbeiter, Likes, Kommentare und co. denke(n muss). Sondern wieder daran erinnert werde, dass ich am meisten anderen mit dem Blog, mit dem was ich zeige, schreibe, kreiere eine Freude machen möchte.

Vorletzte Woche habe ich spontan ein Probenähaufruf für Bademode gestartet.
Und sind wir ehrlich – in Bademode sich im Internet zu zeigen, ist in der heutigen Gesellschaft wirklich sehr, sehr mutig. Noch mutiger, wenn man nicht dem klassischen Schönheitsideal entspricht. Von daher war ich mehr als begeistert, dass zahlreiche Frauen, mit jeder möglichen Körpergröße, sich bei mir gemeldet haben.

Die letzte Woche bestand als für ein paar Mädels darin, zu nähen, zu gucken, zu messen und Fotos in Bademode zu machen. Ich selber hatte einigen Bammel davor, mich in Bademode fotografieren zu lassen, immerhin kann das, egal wie man aussieht, doch schnell billig/nackt/peinlich/gewollt aussehen.

Und so wache ich am Samstagmorgen auf und lese folgenden Kommentar in meiner Probenähgruppe:
„…. Danke, dass ihr mir die Chance gegeben habt, nicht nur an der Nähmaschine zu wachsen. Ich bin alles andere als zufrieden mit meiner Figur. Aber zum ersten Mal seit Ewigkeiten fühle ich mich in einem Badeanzug wirklich wohl und hübsch, weil er genau so ist, wie ich ihn haben wollte…Vielen, vielen Dank.“

Hach – ich habe mich so sehr gefreut und war so dankbar!
Dieser Beitrag hat mir einmal mehr vor Augen geführt, warum ich blogge, warum ich Schnittmuster mache, warum ich auf all den Sozialen Kanälen mitspiele – weil es aus meiner Sicht nichts Schöneres gibt, als andere Menschen zu erreichen und glücklich zu machen.
Sei es durch ein Bild, einen Text oder ein Schnittmuster was bei ihnen gut sitzt. So ein Feedback löst bei mir Freudentränen aus.
Mir ist es egal, ob ich durch mein Tun eine Person oder tausende erreiche. Was mir wichtig ist, ist dass ich vielleicht einem Menschen den Start in den Tag versüße, jemanden zum Nachdenken bringe, jemanden inspiriere oder einfach jemanden zum Schmunzeln bringe.

Und mal ehrlich – ist das dann nicht der schönste Job auf der Welt?!

Liebste und sehr dankbare Grüße, dass es Dank euch diese kleine Pech&Schwefel-Blase gibt,
Ricarda

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