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Pech&Schwefel Nählexion: Teil 1 – Richtig Maßnehmen, Körpermaßtabelle, Fertigmaßtabelle und „die Kaufgröße“

Da ich immer wieder bestimmte Fragen Rund um das Thema Nähen bekomme, dachte ich, dass es mal Zeit wird für ein kleines Pech&Schwefel Nählexion.

Wir starten heute damit, wie ihr für euch die richtige Größe ermittelt.

Die wichtigste Voraussetzung, um die für Dich richtige Schnittgröße zu ermitteln, ist genaues Maßnehmen. Es lohnt sich nicht hierbei um einige cm zu schummeln, bei der Anprobe muss man sonst doch wieder etwas ändern und hat so doppelte Arbeit.

Bevor wir aber mit dem Maßnehmen starten, eine Anmerkung zu den sogenannten Kaufgrößen.
Ich lese oft die Frage, wie der und der Schnitt ausfällt, denn beim Messen wäre eine ganz andere Größe raus gekommen, als ihre Kaufgröße.

So etwas wie die Kaufgröße gibt es nicht. Klar, wenn mich jemand fragt, was für eine Größe ich in Oberteilen habe, sage ich „eine 38“ aber je nach Modelabel kann das zwischen 36 und 40 locker variieren. Manche Label lassen ihre Kleidung sogar mit Absicht größer ausfallen, damit der Kunde bei der Anprobe ein gutes Gefühl hat und so mehr kauft.

Am Ende ist es nur eine Zahl – für die man sich weder feiern noch schämen sollte, solange man sich in seiner Haut wohl fühlt. Also lasst euch davon bitte nicht irritieren oder näht eine andere Größe als ihr ausgemessen habt, nur weil es sonst immer anders ist.

Auch Schnittdesigner arbeiten mit unterschiedlichen Tabellen. So sieht zum Beispiel unsere Körpermaßtabelle für Damen aus, welche für alle Damenschnitte gilt.
Natürlich haben die Schnitt unterschiedliche Passformen (manche sind etwas enger geschnitten, manche weiter), dies ist immer in der Beschreibung nachzulesen, sodass Du vorher weißt, ob es eher ein figurnaher oder weiterer Schnitt ist. 

Aber wie misst man nun richtig aus?

Um Deine Maße korrekt zu ermitteln, benötigst Du ein Maßband und die Hilfe einer weiteren Person.

1. Als Erstes misst Du Deinen Taillenumfang. Es ist wichtig, dass Du in einer aufrechten und ungezwungenen Haltung stehst, und die Hände locker hängen lässt. (Deshalb sollte eine andere Person das Maßnehmen übernehmen). Du solltest die Maße über glattanliegender Unterwäsche (Slip/ BH – ein sehr enges Top geht zur Not auch) messen. Beim Umlegen des Maßbandes, sollte die andere Person einen Finger zwischen Körper und Maßband schieben, dann ist es nicht zu stramm und nicht zu schlaff. Wenn ihr das Ausmessen vor einem Spiegel macht, könnt ihr immer sehen, ob das Massband rundherum auch schön gerade liegt.
Der Taillenumfang wird an der schmalsten Stelle Deines Oberkörpers gemessen und hier bitte nicht den Bauch doll einziehen oder wie ein Zinnsoldat stehen – das verfälscht das Ergebnis nur.

2. Der Brustumfang wird waagrecht um den Körper gemessen, dabei läuft das Massband über Brust und Schulterblatt und wird an der stärksten Stelle Deines Oberkörpers gemessen.

3. Die Hüftweite wird waagerecht um die stärkste Stelle der Hüfte gemessen.

Das sind bei den meisten Schnitten die wichtigsten Angaben, die für Dich wichtig sind. Dies kann natürlich je nach Figur auch noch ganz unterschiedlich variieren.

Nun kann es natürlich sehr gut sein, dass ihr nicht komplett eine Größe habt. An der Brust habt ihr zum Beispiel eine 40, am Bauch eine 42 und in der Hüfte eine 38 – oder auch alles ganz anders.
Welche Größe sollt ihr nun also nähen?
Das ist je nach Schnitt ganz unterschiedlich. Schaut euch am besten den Schnitt einmal genau an. Nehmen wir zum Beispiel den Schnitt Bordeaux – der sitzt an der Brust relativ eng und geht dann weit nach unten – orientiert euch hier als an der Brustweite, der Rest kann quasi vernachlässigt werden.
Beim Rock Blankenese ist der Taillenumfang entscheidend, weil der Schnitt dann weit fällt, sodass der Hüftumfang hier nicht so eine große Rolle spielt.

Natürlich gibt es auch Schnitte, wo mehr als ein Maß wichtig ist. Hier muss dann der Schnitt angepasst werden, aber dazu komme ich ein anderes Mal.

Was ist der Unterschied zwischen einer Körpermaßtabelle und einer Fertigmaßtabelle?

Manche Schnittmuster enthalten zusätzlich zu der Körßermaßtabelle noch eine Fertigmaßtabelle.
Die Fertigmaßtabelle sagt aus, wie die Maße des fertigen Kleidungsstücks sein werden.
Als Beispiel – Du hast die Körpermaße 93/77/101 – was in unserer Maßtabelle einer 40 entsprechen würde. Nun kann es sein, dass die Maße der Fertigmaßtabelle komplett abweichen würden. So könnte bei einem Sportoutfit, was aus Lycra bestehen sollte und daher super dehnbar ist, die Fertigmaßtabelle 85/65/95 für Deine Größe lauten oder bei einem Oversizepullover 100/85/110 (die Zahlen sind einfach Beispiele, um zu verdeutlichen, worum es geht). Die Fertigmaßtabelle sagt nur aus, wie das fertige Stück am Ende sitzt – zum Vergleich bräuchtest Du ein gut sitzendes Kleidungsstück aus am besten dem selben Material.
Allerdings ist das gerade für Nähanfänger schwierig wie ich finde, denn am Anfang denkt man oft „das eine ist aus Strick, das andere soll auch aus Strick werden, also ist es gleich“ – es gibt aber so viele Strickstoffe, die sich komplett unterschiedlich verhalten, weil sie aus unterschiedlichen Materialien sind, unterschiedlich dick sind, manche sind wirklich gestrickt, manche gewebt… Da lassen sich – auch bei anderen Stoffen – nur selten Pauschalaussagen treffen, daher finde ich, dass die Körpermaßtabelle nach wie vor das aussagekräftigste Instrument ist.

Übrigens: Wenn ihr für euch zum Beispiel einen Mantel nähen wollt – messt euch trotzdem in Unterwäsche aus! Dass unter euren Mantel noch ein Pullover usw. passen soll, ist bereits mit eingerechnet. :)

Ich hoffe euch hat dieser erste kleine Exkurs gefallen.

Liebste Grüße,
Ricarda

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9 Kommentare
  1. Rike Busch

    25. März 2019 um 20:25

    Vielen lieben Dank, Ricarda!
    Ich bin beim Erwachsenenkleidung nähen noch neu (bei Kleinkindern inzwischen eher ein alter Hase) und habe mir bei dir und Nadine schon so schöne Schnitte und Stoffe gekauft, aber das Maßnehmen ist echt das schlimmste an der Sache. Hohlkreuz, eher klein und stämmig… Yeiks! Anfang Mai gibt es einen Kurs dazu auf der Nadelwelt. Da bin ich mit einer Freundin dabei und freu mich schon riesig drauf. Danach wird genäht, was das Zeug hält! :)
    LG Rike

    Antworten

  2. Caro

    25. März 2019 um 20:48

    Oh, da hab ich bisher aber einiges Falsch gemacht und falsch verstanden?Vielen Dank für den anschaulichen und detaillierten Artikel.

    Antworten

  3. Annette

    26. März 2019 um 8:37

    Danke, Ricarda, das ist eine tolle Idee.
    Aber da habe ich auch noch eine Frage: wenn ich z.B. ein Kleid nähen will, sind mindestens Schulter-, Brust- und Taillenwert wichtig. In der Schulter und um die Brust habe ich Größe 40, um die Taille eher 42 – wie gehe ich damit um? Muss ich dann jedes Mal den Schnitt verändern? Und wenn ja… wann hast du dir den Teil im Nählexikon vorgenommen?

    Antworten

    • Ricarda

      26. März 2019 um 12:55

      Liebe Annette, das kommt ganz auf den Kleiderschnitt drauf an. Wenn es zum Beispiel ein Kleid ist, was unter der Brust weiter fällt, würde ich mich eher an der Brust orientieren.
      Je nach Schnitt kann es dann aber sehr gut sein, zum Beispiel wenn das Kleid allgemein eng anliegt, dass Du den Brust- oder Taillenbereich anpassen musst und ja, dann für jeden Schnitt individuell. :)

      Antworten

  4. Frauke Pa

    26. März 2019 um 10:05

    Liebe Ricarda,

    danke für die guten Erklärungen! Magst Du mal sagen, wie es sich mit der Länge der Kleidungsstücke in den unterschiedlichen Größen verhält. In Deinen Tabellen steht ja immer ‚Körperlänge 168cm‘. Ich nähe Deine Schnitte meistens in der Größe 46 bei einer Körperlänge von 165cm. Ich habe das Gefühl dass manche Oberteile in den größeren Größen auch automatisch länger werden und würde es fein finden, wenn es dazu auch eine Angabe gibt, damit ich mir das von vornherein besser anpassen kann. Vielleicht ist das allerdings auch Einbildung aber gerade meine neuen Lieblingspullis ‚Rügen‘ (mega genialer Schnitt übrigens, löst meinen bisherigen Favoriten ‚Eimsbüttel‘ ab. Ich habe noch nie so viele Komplimente und positive Kommentare über einen meiner selbst genähten Pullis bekommen) habe ich am Ende tatsächlich um 6cm gekürzt und die fallen immer noch locker über den Po…

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    • Ricarda

      26. März 2019 um 13:30

      Liebe Frauke, die Schnitte sind alle für die „Standardgröße“ 168 ausgelegt, egal in welcher Größe. :) Teilweise werden manche Strecken auf den ersten Blick etwas länger bei Oberteilen, aber das kommt dann daher, weil die Rundungen mit eingerechnet werden. Angezogen bleibt das alles gleich. ;)
      Daher wird es auch schwierig dort eine Länge anzugeben bzw. je nach Größe hat man ja auch eher einen längeren/kürzeren Oberkörper oder längere/kürzere Beine. :)
      Ich mache das immer so, wenn ich einen Schnitt ausgeschnitten habe, dann halte ich ihn einmal an, um schon mal zu sehen, ob da was weg muss (was bei meinen 163 oft der Fall ist ;)) und passe dann in diesem Schritt schon an.
      Ich freu mich sehr, dass Dir Rügen so gut gefällt, vielen Dank!

      Antworten

  5. Frauke Pa

    27. März 2019 um 14:34

    Liebe Ricarda, wenn Du die Länge auch immer anpasst, dann erklärt das natürlich warum Rügen bei Dir in Größe 38 ja eher auf der Hüfte als über dem Po sitzt. Hatte angenommen, dass Dir Deine Scnitte quasi auf den Leib geschneidert sind ;-) Danke für Deine Erklärung, ich mach das im Prinzip genauso wie Du.

    P.S. Eimsbüttel und Florenz liebe ich auch sehr!

    Antworten

    • Ricarda

      29. März 2019 um 8:52

      Ich muss die Länge ja im Verhältnis zu meiner Figur zeigen, wie er aussieht. :)
      Ich danke Dir!

      Antworten

  6. Irene

    3. April 2019 um 16:14

    Das mit der Länge ist ein super Tip. Danke
    Ich bin gerade dabei Casablanca auszuprobieren und wusste bis jetzt nichtso recht wie ich das Oberteil verlängere.

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